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Der verwelkte Jungfernkranz

Vor Jahren war in Königslutter ein Bürgermädchen, die einen liederlichen Lebenswandel geführt hat. Wenn die Soldaten hier in Quartier lagen, hat sie nicht selten mit ihnen draußen kampiert, und ferner manchem fremden Handwerksburschen schöne Liebesstunden geschenkt.

Wie nun ein Mann, man sagt, es sei ein alter Wittmann gewesen, um sie gefreit hat, war der Vater - ein ehrsamer Schuhmacher - sehr froh, die leichtfertige Tochter nun endlich unter die Haube zu bekommen.

Es wurde eine große Hochzeit geplant, zu der die ganze große Verwandtschaft von nah und fern eingeladen wurde. Als nun die Braut im Kranz und Schleier zur Kirche gehen wollte, meinte der besorgte Vater, es wäre doch ratsam, ohne Kranz und ohne Schleier zur Trauung zu gehen, da sie doch diesen jungfräulichen Schmuck nicht mehr tragen dürfe, ohne Gottes und der Menschen Zorn herauszufordern.

Aber davon wollte die hoffärtige Braut nichts wissen. Vor der Haustür des Schuhmachers und vor der Kirche hatten sich viele Leute eingefunden.

Wie sie nun die Braut in Kranz und Schleier an dem Arme des Bräutigams sehen, da geht ein dumpfes Murren durch die Menge, denn alle kannten das lose Vorleben der Braut sehr wohl. Aber die Braut machte sich nichts hieraus.

Als sie nun plötzlich vor dem Altar standen, da zeigte der Pastor entsetzt auf den Jungfernkranz, denn der war anstatt grün, plötzlich ganz welk und grau geworden. Die Blätter sind abgefallen, und nur noch die welken und harten Stiele drückten auf den wie mit Ruß beschmierten Schleier.

Die ganze Gemeinde aber hat dieses mit angesehen und der Braut ist viel Hohn und Spott zuteil geworden.

Von Altmutter Röder, Königslutter