Startseite -> Index

Die alte Mutter Linnemann

Am Ausgang des Dorfes Ingeleben steht ein altes Bauernhaus, das von einem wundervollen Obstgarten umgeben ist. In diesem Hause wohnte vor vielen Jahren "die alte Linnemannsche", von der das Gerücht ging, daß sie den bösen Blick hätte und Menschen, die ihr Grundstück beträten, etwas antun oder sie auch durch ihren Blick "bannen" könnte.

Wieder einmal war der Sommer da, und in Linnemanns Garten reiften die schönsten Birnen. Am Tage sah man oft Jungen und Mädchen des Dorfes am Garten vorbeistreifen und gierig nach den Früchten blicken. Ob sie wohl einige abpflücken sollten? - Doch nein, es war zu hell, die Linnemannsche konnte sie sehen und mit dem gefürchteten Blick "bannen". Es würde ratsamer sein, abends, wenn alles schon zur Ruhe gegangen war, sich Birnen zu holen.

Eine prächtige Sommernacht war heraufgezogen; tiefe Stille umfing zwei Jungen, die sich dem Linnemannschen Garten langsam näherten. Am Himmel stand der Vollmond und malte geheimnisvolle Schatten auf den Weg der beiden Knaben. Im Grase hörten sie das Zirpen der Grillen, und über ihren Köpfen flatterte eine Fledermaus hinweg. Von ferne erscholl der Ruf eines Käuzchens.

Unsere Jungen wagten kaum zu atmen, denn die nächtliche Einsamkeit und ihr Unterfangen bedrückte sie. Schritt um Schritt näherten sie sich jetzt dem Birnbaum, indem sie ängstlich ausspähten, ob nicht die Linnemannsche irgendwo auftauchen würde.

Zwar hatten sie ja Dill in den Saum ihrer Kleidung genäht, um vor dem bösen Blick geschützt zu sein, doch man konnte immerhin nicht wissen, was sich vielleicht doch ereignen würde. Da - ein Schatten!

Beklommen hielten sie an; doch es war nur der den Knaben wohlbekannte und sie nicht weiter beachtende Hund des Nachtwächters, der die Runde mit seinem Herrn machte. Endlich standen die Jungen vor dem Birnbaum.
Da schlug die Kirchturmuhr gerade zwölf. Hell hallten die Schläge durch die mondklare Nacht und ließen die Herzen der Knaben erzittern.

Die mit köstlichen Früchten beladenen Zweige des Birnbaumes hingen fast bis zur Erde nieder, und es wäre ein Leichtes gewesen, die Birnen zu pflücken. Doch kaum streckten sich die verlangenden Jungenhände nach den reifen Früchten aus, da bewegten sich Zweig um Zweig höher und höher. Mit weit offenem Munde sahen unsere beiden Knaben erstaunt den aus dem Bereich ihrer Hände entschwindenden Birnen nach.

Wie aus dem Erdboden gewachsen, stand in diesem Augenblick die Linnemannsche vor ihnen, blickte sie, ohne ein Wort zu sagen, starr an und verschwand wieder so lautlos wie sie gekommen war. Die Jungen aber waren an ihren Platz gebannt und konnten sich erst wieder bewegen, als die ersten Sonnenstrahlen am nächsten Morgen über die Erde huschten.

Von Angst und Schrecken erfüllt, eilten die nun vom Bann gelösten Knaben heim, und nie mehr getrauten sich sich in die Nähe des Gartens der Linnemannschen, die bis zu ihrem Lebensende in dem Ruf stand, den bösen Blick zu besitzen.

Von Karl Rose, Schöningen