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Der verhexte Ganter in Lauingen

Lauingen ist von jeher ein Gänsedorf. Viele Gänse schnattern einem auf der Dorfstraße entgegen und Lauinger Gänsebraten ist seit altersher weitberühmt.

Ein Bauer hatte nun für seine Gänseschar einen neuen Ganter erworben, den er im nahen Königslutter von einer Frau gekauft hatte. Als nun dieser Ganter einige Tage mit der Gänseschar des Hauern zusammen war, stellte der Landmann mit Befremden fest, daß seine sonst so muntere und lustig durcheinander gestikulierende Gänseschar ängstlich in einer Ecke des Hofes zusammen stand und die Köpfe mutlos zur Erde senkte.

Der neue Ganter aber, dick und wohlgenährt, schnatterte und watschelte unbekümmert lustig im Hofe hin und her.
"Watt is bloß mit dä Gäuse los?" frug der Bauer seine Frau, und als man sich schließlich keinen Rat mehr wußte, weil die Gänse immer mehr in sich zusammenfielen, schickte der Bauer nach Königslutter zu einer Frau, die in dem Rufe stand, mehr zu können, als andere, gewöhnlich sterbliche Leute.

Frau R. kam gleich mit nach Lauingen. Wie sie auf den Hof kommt, da fährt der Ganter wie wild herum und schießt auf die "weise Frau" los. Hätte diese nicht einen großen Schwaken bei sich gehabt, mit dem sie dem Wüterich welche übergezogen, das böse Tier hätte die Frau unweigerlich gebissen.

"Der Ganter ist verhext", sagte die weise Frau "wo habt ihr das Tier denn her?" - Der Bauer erwiderte, er habe den Ganter von Frau B. aus Königslutter gekauft.
"Da hilft alles nichts", sagte die Frau R., "wenn ich euch helfen soll, müßt ihr mir den Ganter geben, und ich muß ihn schlachten und versuchen, mit dessen Blut und Fleisch eure Gänse wieder zu enthexen."

Der Bauer war des wohl zufrieden, wenn nur seine Gänseschar wieder in Ordnung käme! Frau R. nahm nun den Ganter mit nach Hause, schlachtete ihn, fing das frische Blut auf und ging mit diesem stillschweigend um Mitternacht zu dem Hause der Frau B.

Nun malte sie mit dem Blute drei Kreuze vor die Haustüre und entfernte sich wieder stillschweigend. Unterdessen stand auf dem Feuer der weisen Frau der Ganter und wurde ganz weich gekocht. Mit der Gabel steckte die weise Frau, unter dem Gemurmel weiser Sprüche immer und immer wieder in das Gänsefleisch, bis es gänzlich zerschnitten und zerfetzt, zerkocht und zerbraten vor ihr stand. Sie nahm nun das Fleisch und brachte es an einen ablegenen Ort, wo sie es wieder unter Gemurmel geheimnisvoller Sprüche tief in die Erde vergrub.

Von Stund an waren die Gänse in Lauingen wieder frisch und munter. Lustig schnatterten sie wie eh und je im Hofe und auf der Gasse umher, und reich belohnt ging Frau R. zurück nach dem nahen Lutter. Die böse Hexe aber, nämlich eine solche war die Frau B., hatte lange Zeit hindurch ihr Fenster dicht verhangen. Der Zauber war durch das Vorgehen der weisen Frau zurückgeschlagen. Erst nach langer Zeit konnte sie sich von einer schweren Krankheit erholen.

Von Frau Eise Dammann, Königslutter