Startseite -> Index

Scharfrichter Uter

Der Scharfrichter Uter in Königslutter war ein gescheiter Kerl, klüger als alle Doktoren im Braunschweiger Land.

Er hatte einen Daumen von einem armen Sünder, dazu einen Flicken mit Blut von einem Gerichteten und damit hat er viel Krankheit von Mensch und Vieh geheilt. Die Bauern ließen ihn oft holen, wenn sie glaubten, ihr Vieh sei verhext. Dann hat Uter aber zuweilen gesagt: "Hexerie gifft et nich, woll awer Schelmerie!" -

Wenn die Tiere nicht fressen wollten, hat er mit dem Daumen die Krippen ausgerieben. Einigen hat er dann auch wohl gesagt, der Daumen habe gar nichts dabei, aber die Krippen müßten rein sein.

Einem Manne in Rottorf wurden oft Kühe krank und fielen. Da kam eines Tages der Scharfrichter Uter auf den Hof geritten. Er bot allerhand Mittel gegen Viehkrankheiten an, aber der Bauer wollte nichts kaufen, sondern meinte, es hülfe doch nichts, er habe schon so vieles versucht, aber nichts habe angeschlagen.

Uter erwiderte, er wisse wohl, wie viel Stück Vieh ihm schon gefallen seien, er wolle einmal mit nach dem Stalle gehen. Kaum waren sie über die Schwelle getreten, so sagte der Scharfrichter: "Eurem Vieh kann allerdings kein Mittel helfen, das ist nicht gut möglich!"

Als ihn nun der Landmann verwundert und fragend ansah, schlug jener vor, einmal die Steinplatte aufzunehmen, die vorn im Stalle lag. Sie taten das auch, und nun fing Uter an, mit seinem Degen da in der Erde herumzupruckeln - früher trugen die Scharfrichter noch Degen an der Seite. Alsbald kam ein Beutel zum Vorschein, in dem Hede, eine Haarflechte, ein Leineweberknochen und noch mehr Kram steckten.

Darauf sagte Uter: "Euch, sowohl wie den Tieren droht Unglück. Wenn das hier liegen bleibt, muß nach und nach alles Vieh sterben. Dieser Knochen würde einen aus eurer Familie zum Krüppel gemacht haben, der auf Krücken gehen müßte." Er drohte noch mehr Unheil und riet, den Beutel samt dem was darin war, unter dem Galgen zu vergraben.

Erschrocken hörte der Bauer den Mann an und fragte, wie das Ding da wohl hingekommen sein könnte und wer denn der böse Feind sei. Uter antwortete, den wollten sie bald kriegen und fragte, ob er ihn gleich herzitieren solle, sonst wollte er ihm wenigstens ein Zeichen machen, woran man ihn schon erkennen würde. Das wollte aber der Bauer nicht.

Da erbot sich der Scharfrichter, wenn jener ihm Futter für sein Pferd geben wolle, wenigstens bewirken, daß der Übeltäter oder die Feindin nach seinem Fortreiten zuerst auf den Hof kommen müsse. Damit war der Bauer zufrieden. Nun wohnte da eine Nachbarin, die schon früher in den Stall gekommen war, um Milch zu holen oder sonst unter einem Vorwande, und von der man längst glaubte, daß sie den Tieren was antue.

Kaum war der Scharfrichter vom Hofe geritten, da kam eilig diese Nachbarin gelaufen, lamentierte und fragte, was der Bauer mit dem alten Uter so lange zu verhandeln gehabt hätte. Aber der Landmann verwies sie vom Hofe, nahm den Kram und vergrub alles unter dem Galgen, der damals noch gegen Groß Steinum zu "in den Paulen" stand. Seit dieser Zeit wurde es besser mit dem Vieh.

(Voges, Sagen, a. a. O. S. 74, erzählt von Dr. Rehkuh, Wolfenbüttel)