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Scharfrichter Uter bannt eine Diebin

In der alten Scharfrichterei in Oberlutter lebte vor vielen Jahren der letzte Nachrichter des Amtes Königslutter - der Scharfrichter Uter. Weit und breit im Braunschweiger Lande und darüber hinaus, hatte er einen großen Ruf als Wunderdoktor, Hexenbanner und Geisterbeschwörer.

Er war ein gescheiter Kerl und mancher studierte Mann war schon zu ihm gekommen, um sich Rat und Hilfe zu holen. Es gab fast nichts, was Uter nicht konnte und kannte. Im Garten eines oberlutterschen Leinewebers war oft des Nachts zum Trocknen aufgehängte Leinewand gestohlen worden.

Auch die Früchte waren vor Dieben nie sicher gewesen. Besonders hatte man es in letzter Zeit auf Kohl abgesehen. So oft der Meister und seine Leute auch aufgepaßt hatten, es war immer vergebens gewesen.

Da ging man zu Scharfrichter Uter in die Meisterei und bat diesen um Hilfe. Der Scharfrichter umschritt das Grundstück und besprach es mit dem "Diebessegen".

Am anderen Morgen, einem Sonntag, saß nun eine Nachbarin auf der Mauer des Gartens. Auf ihrem Buckel hatte sie eine volle Kiepe mit Braunkohl. Alle, die auf dem Wege zur Kirche dort vorbeikamen, sahen das diebische Weib. Der Leineweber schickte nun nach dem alten Uter, damit dieser die Diebin erlöse. Der aber meinte seelenruhig:
"Erst mott ick orntlich Fräustücke äten, dann will ick schon komen. Nu hat datt Beist dä ganze Nacht da oben e' säten, da ward et op ne Stunne ok nich mehr ankomen."
[Erst muss ich ordentlich Frühstück essen, dann will ich schon kommen. Nun hat das Beist die ganze Nacht da oben gesessen, da wird es auf eine Stunde auch nicht mehr ankommen.]

Scharfrichter Uter ist dann später hingegangen, hat dem Weibe eine heftige Ohrfeige gegeben und dadurch wurde sie wieder frei. Sie hat aber hinfort nie wieder gestohlen!

Von Fräulein Sophie Fricke, Königslutter