Startseite -> Erzählungen -> Sein schönstes Weihnachtsgeschenk

Ein alte Weihnachtsgeschichte, die sich zugetragen hat!......

Sie hieß Lisa und hatte ganz große, blaue Augen und lange blonde Zöpfe, die sie zu einen Dutt auf dem Kopf zusammengeknotet hatte. Sie war eine kleine Schönheit und stammte aus Lauingen, wo ihre Eltern wohnten.

Wenn sie mal nach Königslutter kam, um hier für die Mutter einzukaufen, dann schaute sie immer so unschuldig in der Weltgeschichte umher und tat so, als ob sie es gar nicht merken würde, dass die lutterschen Bengel hinter ihr hersahen. Dabei war sie ein kleines, dralles Mädchen, und hatte die Rundungen eben einfach da, wo sie bei so einem Mädchen von fünfzehn oder sechzehn Jahren eben hingehören. -

Er war ein lutterscher Junge. Was soll ich euch über ihn viel erzählen?
Schon ganz früh, so lange, wie ich zurückdenken kann, hatten ihn Vater und Mutter mitgenommen, wenn sie nach Lauingen gegangen waren. Dann hatten ihm die Eltern bei Bäcker Friedrich in Lauingen einen Back gekauft und bei Nienstedt auf dem Stobenbrink hatte er ein Glas Milch bekommen oder, als er älter wurde, ein Glas Malzbier. Unzählige Male war er so den Lutterstieg herunter nach Lauingen gegangen.

Immer schaut er zum nahen Ränzelsberg hinüber, ob er nicht mal einen von den Unterirdischen oder den König Ränzel selbst zu sehen bekommt. Aber es sollte wohl so sein, wie die alten Leute sich erzählten, dass die Zwerge vom Ränzelsberge vor vielen Jahren von hier wegzogen und nun keiner mehr von den kleinen Leuten da war.

Wie er größer geworden war, da hat er sich, genau wie alle anderen Jungen auch, in der Lauinger Dragoner-Kuhle mit den Lutterschen und den Lauingern herumgeknüppelt. Dieses Hickhack hatten schon die Alten so zu ihrer Zeit getrieben und so wird es wohl schon immer gewesen sein.

Ja, was soll ich euch sonst wohl noch viel von ihm erzählen?
Nur das noch, das er schon als Junge jene Lisa aus Lauingen in sein Herz geschlossen hatte und dass er sonst ein braver und guter Junge war.

Nun war es einen Tag vor dem heiligen Abend! -
Ja, wenn ich euch das genaue Jahr sagen soll, dann muss ich lügen. Es muss auf jeden Fall so über vierzig bis fünfzig Jahre her sein.

Die ganze Welt war tief verschneit und es schneite und schneite immer wieder. Die alte Hark'sche schüttelte ihre Betten und die Schneeflocken fielen vom Himmel herunter, dass man gar nicht weit gucken konnte.

Was war das aber auch für eine Pracht und für eine Freude für die Jugend! Die Schlitten wurden hergeholt und Alt und Jung zogen zum Elm, um hier zu "slickern" und zu "glissecken".

Wie er nun noch mal durch die Straßen ging, was sah er da? - Da ging die kleine Lisa aus Lauingen die Straße entlang. Sie hatte in beiden Händen große und kleine Pakete und eine schwarze, große Tasche musste sie auch noch mitschleppen.

Ach das war ja furchtbar, das ging doch wohl einfach nicht. Und wie sie ihm nun so einen lieben, treuen Blick zuwarf, da fasste er sich ein Herz, ging schnell hinter Lisa her und ohne viel zu fragen nahm er ihre schwarze Tasche und noch ein Paket und trug es ihr einfach. Er war in diesem Moment der glücklichste Mensch, den man sich vorstellen konnte.

Ich weiß nicht, es ist alles viel zu lange her, was sich die beiden jungen Menschenkinder in diesen Minuten erzählt hatten. Eines weiß ich aber, dass sie gar nicht gemerkt hatten, wie die Zeit vergangen war und wie der Wind die Schneeflocken um sie herumwirbelten.

Sie hatte ganz rote Wangen und er eine ganz rote Nase. Es gab auch so viel zu erzählen und er musste so in seinem Kopf feststellen, dass sie aber auch ein zu liebes und zu süßes Mädchen war. Das Kalkwerk und die lange, gerade Strecke lagen längst hinter ihnen. Draußen war es überall stockduster und es schneite, was vom Himmel herunter wollte.

Da auf einmal - man konnte die ersten Lichter von Lauingen sehen, blieb Lisa stehen. Sie setzte ihre Pakete in den Schnee - und ehe er sich so richtig versehen konnte, gab sie ihm einen Kuss, mitten auf den Mund, so einen ganz kleinen und so einen ganz zarten...

Es war wie ein Hauch, und er dachte, in diesem Augenblick bliebe die Zeit stehen...

Wie er wieder richtig zur Besinnung kam, da war Lisa weg. -

Er stand allein da und die alte Hark'sche schüttelte ihre Betten, dass der Schnee man nur so herunter geflogen kam. Den Weg nach Hause ist er ganz langsam durch den hohen Schnee gegangen.

Aber er meint noch, nach all den vielen Jahren, die seit damals dahin gegangen sind, dass das sein schönstes Weihnachtsgeschenk gewesen ist, das er in seinem Leben geschenkt bekommen hatte.

nach Heinz-Bruno Krieger