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Heinz-Bruno Krieger 1972

Ein Frühlingsabend im Mai 1972 !

Ich sitze hoch oben, über den Dächern der Stadt in meinem kleinen Archivraum meiner Vaterstadt Königslutter am Elm. Draußen rauscht der Regen, vermischt mit Hagel, trommelt und faucht gegen das kleine Dachfenster. Es donnert draußen, grollt und dröhnt; die Balken scheinen zu zittern, die Blitze zucken und die Elemente toben.

Was ist der Mensch, was ist die Zeit ?
Wir fragen und sinnen und selten nur finden wir eine Antwort ...

Gestern war ich bei unserem Ehrenbürger Otto Klages, habe ihm zu seinem 70.Geburtstag gratuliert. Ein Leben voll Freude und Dienst ! Freude über die Schönheiten dieser Welt, die Wunder Gottes in der Natur ! Dienst aber an seinen Mitmenschen, die alle diesem Manne so viel verdanken !

Draußen wird der Himmel vom Donner erschüttert, es zucken die Blitze. Ich sitze hier, neben und um mir die vielen ungezählten Aufzeichnungen, Notizen und Zeitungsausschnitte, Varias von Familien, Ereignissen, Geschichten und Erlebnissen. Die vielen, vielen Berichte, Erinnerungen, Bilder und Dokumente, die ich alle, im Laufe der Jahrzehnte - ein Leben lang - gesammelt und aufbewahrt habe.

Wie vielen Menschen bin ich in meinem Leben begegnet, bewusst begegnet, und es war nicht selten ein Geben und Nehmen. Nicht selten aber konnte ich beobachten, dass Menschen, die ein langes Leben hindurch in dieser Stadt gelebt und gewirkt hatten, in kurzer Zeit vergessen waren. Keine Spur, kein Erinnern findet sich an ihrer Erdentage. Was ist der Mensch ?

Wir alle aber sollten uns bemühen, etwas zu tun, etwas zu leisten, jeder auf seine Art, jeder nach seiner Weise. Nichts ist umsonst getan und gedacht. Alles wirkt zu seiner Zeit und strahlt in den Raum hinein, in dem wir wohnen und leben. Unser Wirken hat so noch Bestand, wenn wir längst nicht mehr da sind.

Der Donner grollt, die Blitze zucken ...

Indem ich hier oben sitze und schreibe, denke ich an einen anderen Tag, an ein anderes Gewitter, das ich draußen, in den Wäldern des Osten, vor vielen Jahren als junger Mensch erlebt habe. Wir alle glaubten in jenen Stunden, dass sich die Schlünde der Hölle aufgetan hatten, um uns darin, mit Mann und Ross und Wagen zu verschlingen.

Dieses Gewitter damals, im Sommer 1941, war wohl mit Abstand das schlimmste Unwetter, das ich in meinem Leben erfahren habe. Erinnerungen an ferne Tage, Gedanken um das Sein, den Sinn des Lebens, den Einfluss der Elemente ...

Wieder zucken die Blitze, grollt der Donner, verhallend doch schon, weiter entfernt. Ein anderer Tag steht vor meinem geistigen Auge auf, ein Sommertag.

Mit dem Fahrrad war ich, wie so oft, nach Wolfenbüttel gefahren, um hier, im Archiv in den alten, vergilbten Akten und Büchern zu forschen und zu arbeiten.

Dann, nach Beendigung meiner Studien im Archiv, hatte ich meinem Freund, dem Diakon Rautenberg, der die Küsterstelle an St.Marien - der Hauptkirche BMV - in Wolfenbüttel inne hatte, gebeten, mir die Schlüssel der Kirche zu geben, um dort, in dem Gotteshaus, in dem auch meine Ahnen, der Abt Christoph Specht mit seiner Eheliebsten bestattet liegen, einige Minuten der Andacht und der Stille zu verbringen. Nun war ich eingeschlossen, allein, gegenwärtig nur die Zeugen einer alten, großen Vergangenheit.

Die hohen Kirchenfenster hatten sich ganz unbemerkt verdunkelt. Plötzlich war ein heftiges Gewitter ausgebrochen. Ich weiß es noch genau, ich war hinuntergestiegen in die alte Gruft der Herzoge von Braunschweig und stand nun vor dem schlichten, unscheinbaren Sarg des Herzogs Christian, dem man den Beinamen "der Tolle" gegeben hat.

Ich strich mit meiner Hand über die Decke des Sarges - hier lag nun der große Heerführer des 30jährigen Krieges, der Mann, dessen Name zu seiner Zeit soviel Angst und Schrecken verbreitet hatte und dessen Bild ich so oft im Anton-Ulrich-Museum betrachtet habe.

Was ist der Mensch ? - Was ist die Zeit ?

Der Donner grollte bis hier herunter, dumpf und schwer und es war mir, als wären es die dröhnenden Geschütze ferner, vergangener Tage ...

Ich war allein hier unten, eingeschlossen, weit und breit keine Menschenseele. - War ich wirklich allein ?

Gegenwärtig waren nur die vielen Toten eines großen, alten Geschlechtes, gegenwärtig aber auch der große Gott, im verhaltenen Grollen des Gewitters.

Mit einem Mal wurde mir in meiner großen Einsamkeit bewusst, wie nichtig Größe, Reichtum, Macht sind, wie vergänglich ! -
Mir wurde bewusst, wie fassungslos doch die Zeit ist !

Als ich dann eilend die Stufen aus der Gruft empor stieg, fielen meine Blicke auf die Inschrift über der Tür, die zu der Ruhestätte der Herzoge hinunterführt. Ich las die Worte:

"Memento mori" - "Mensch bedenke, dass du sterben musst!"

Herbst 1986
Nun sind inzwischen wieder viele Jahre vergangen, seitdem ich obige Gedanken aufschrieb. Viele liebe Freunde von damals sind nicht mehr unter den Lebenden. Der Wind hat viele Spuren verweht ! Blätter fallen von den Bäumen ...
Aber noch immer gilt das Wort:
"Memento mori !"