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Erinnerung an eine Tragödie auf dem Markt zu Königslutter


Das eiserne Grabkreuz der tödlich verunglückten Caroline Auf dem "Unterlutterschen Friedhof" an der Helmstedter Straße liegt linker Hand von der Leichenhalle ein Grab, auf dem ein großes Kreuz aus Eisen, gestützt durch einen Anker steht. Als Inschrift ist nur der Name "Caroline" zu lesen.

Niemand kümmert sich heute noch um dieses alte Grab. Nur hin und wieder schweifen Blicke über es hinweg und verlieren sich im Grün des Rasens und der Sträucher. Der Volksmund weiß von diesem Grab folgendes zu berichten:

Es war an einem strahlenden Sommertag um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als fahrende Leute mit ihrem Wägelchen durch das Stadttor in die Straßen des verträumten kleinen Städtchens einzogen und den Weg zum Marktplatz nahmen. Bald sprach es sich in den Häusern der Stadt herum, dass es Seiltänzer seien, die hoch oben auf dem schwankenden Trapez am nächsten Abend ihre Künste zeigen wollten.

Als Glanznummer sollte Caroline, ein blühendes, liebliches Mägdelein, auf dem Seile im zierlich tänzelnden Schritt ein Liedchen singen.

Oft hatte die junge Artistin schon auf dem Seile getanzt und die Herzen der Leute, ob groß oder klein, hatten bei ihrem Anblick höher geschlagen. An diesem Sommerabend nun, an dem das Schauspiel stattfinden sollte, waren viele Leute gekommen, um die für sie so seltene Vorstellung fahrender Künstler zu bewundern.

Was gab es schon in dem kleinen Städtchen Jahr aus Jahr ein zu sehen? So war diese eine gern gesehene Abwechslung.

Nach allerlei Späßen und Künsten stand Caroline nun hoch oben auf dem Seile. Mit zierlichen Schritten tänzelte sie lächelnd, in der Hand einen Schirm, in schwindelnder Höhe auf und ab.

Nachdem das kleine Fräulein schon viel Applaus geerntet hatte, wollte es das Unglück, dass sie plötzlich ausglitt. Lähmendes Entsetzen, ein Schrei aus vielen Kehlen - und ehe auch nur einer zur Stelle war, lag sie zerschmettert auf dem holprigen Kopfsteinpflaster des Marktes.

Ein alter Mann sagte später, er habe den Tod fideln gesehen.

Ganz Königslutter war auf dem damals noch neuen Friedhof zu Carolines Beerdigung erschienen und noch nach Jahren streute man Blumen auf ihr Grab. Später, wenn die Kinder fragten, wer denn unter dem schweren Kreuz liege, haben die Alten nur wehmütig gelächelt und von dem längst vergessenen Frühlingstraum auf dem Seile zu Königslutter erzählt.

Viele Kreuze und Grabdenkmäler sind im Laufe der letzten Jahrzehnte von dem alten Friedhof verschwunden. Es ist vielleicht Bestimmung, dass gerade dieses eiserne, schwere Kreuz alle Stürme überstand, um noch heute zu erzählen, wer hier seine letzte Ruhe fand.

Heinz-Bruno Krieger