Startseite -> Erzählungen -> Die Herzöge von Pommern und das Haus Braunschweig Lüneburg

Seit dem Jahre 1945 fanden in unserem Kreisgebiet, wie in dem norddeutschen Raum überhaupt, viele Menschen aus Pommern, neben den anderen Vertriebenen aus den Ostgebieten, eine neue Heimat.

Die Tatsache, daß gerade zwischen Niedersachsen und Pommern schon früh enge wirtschaftliche wie genealogische Bindungen bestanden, daneben die Herkunft der Mutter der letzten pommerschen Herzogsgeneration - Clara - aus Gifhorn, rechtfertigt nachfolgende Arbeit in unserem Kreiskalender. Der Verfasser hat, bei seinem mehrjährigen Aufenthalt in Pommern, teilweise seine Forschungen an Ort und Stelle betreiben können und dabei erlebt, dass noch bis in die Zeit vor der Kapitulation 1945 das Angedenken an die braunschweigischen Bindungen der Greifenherzöge im Volke erhalten war.

1. Aus dem Dunkel der Vorzeit hebt sich heldisches Wikingertum, erprobt im Sturm und Kampf. Ihm zur Seite steht fast ebenbürtig der wendische Wikinger, der in seinem nordisch-slawischen Heldentum durch den Kampf der nachfolgenden Jahrhunderte bald ganz aus der Erinnerung der nachfolgenden Geschlechter verschwindet.

In Pommern sind es die Greifenherzöge, die das Land von Mecklenburg hin bis hinauf an die polnische Grenze beherrschen, die sagenumwoben über die Insel Rügen gebieten und aus deren Schoß Könige von Dänemark und selbst eine deutsche Kaiserin geboren werden.

Noch zu Anfang des XII. Jahrhunderts finden wir den Sachsenherzog Lothar III. im Kampfe mit diesen slawischen Pommernherzögen. Es mag als Folge zu sehen sein des Aufrufs Bischofs Otto von Bamberg, der zum heiligen Kreuzzug gegen die heidnischen Pommern gerufen hatte, um das Land an der Ostseeküste ohne nationale Voreingenommenheit zu christianisieren.

Niedersachsen stehen so zum ersten Mal in Pommern. Wir hören vom Pommernherzog Wartislaw.

Wieder Jahrzehnte später ist der Enkel Lothars, Herzog Heinrich der Löwe in Pommern. Noch geht es darum, das weite, noch kaum besiedelte Land dem Kreuze zu gewinnen. Städte werden gegründet; Menschen aus Niedersachsen ziehen in das ferne Land.

2. Jahrzehnte gehen ins Land. Barnim I., der Große unter den Pommernherzögen der Frühe, übernimmt 1226 die Regierung. Er ruft Einwanderer ins Land, gründet Städte und Dörfer.

Klöster werden unter seiner Schirmherrschaft errichtet. Er ist der erste Pommernfürst, der sich mit einer welfischen Fürstin verbindet. Margarethe von Braunschweig, wahrscheinlich eine Tochter Otto des Kindes von Lüneburg, ersteigt so den Greifenthron, den ihre Väter vor Jahren noch bedrohten. Margarethe stirbt am 26.März 1263 und wird im Jungfrauenkloster Stettin begraben.

Der Enkel - Barnim III. - ein ergebener Freund des deutschen Kaisers Karl IV., holt sich wieder eine Frau aus Niedersachsen.

Es ist Agnes, die Tochter des Herzogs Otto von Braunschweig. Sie segnet im Jahre 1371 das Zeitliche. Agnes von Braunschweig schenkte dem pommerschen Herzogshause vier Söhne, von denen einer - Kasimir IV. - am 24. August 1372, bei der Bestürmung von Königsberg in der Neumark zu Tode verwundet wurde.

Der Herzog Kasimir VI. von Pommern-Stettin, ein Sohn des Swantibor III. und Enkel Barnims III. und der Agnes, holte sich nicht nur seine erste Frau Katharina, Tochter Bernhards I. von Braunschweig Lüneburg, aus dem Welfenhause, sondern ging nach deren Tode (6.Mai 1429) eine weitere braunschweigische Verbindung mit Elisabeth, der Tochter Erichs von Braunschweig-Grubenhagen ein.

Wie sehr die welfischen Blutsverbindungen sich im Greifengeschlecht der Pommernherzöge bemerkbar machten, ersieht man am besten daran, dass sie nun vom Kaiser reich mit Privilegien ausgestattet werden und dass die Söhne der Welfin Agnes selbst an Reichsgeschäften teilnehmen dürfen.

3. Waren die Welfen in viele Linien zersplittert, so die Pommern nicht minder. So gab es neben der Stettiner, um nur noch einige zu nennen, die Wolgaster, Stolper und Greifenwälder Linien, die sich dann oft noch untereinander teilten, so dass es oft bis zu fünf verschiedene pommersche "Fürstentümer" gab. Es ergeben sich auch hier in diesen Linien selbstverständlich Bindungen zu dem Hause Braunschweig-Lüneburg.

Bogislaw V. von Wolgast-Stolp geht so z. B. um das Jahr 1362 seine zweite Ehe mit Adelheid von Braunschweig-Grubenhagen, der Tochter des Herzogs Ernst ein, die ebenfalls mit mehreren Kindern, Söhnen und Töchtern gesegnet wird.

In diese Zeit fällt die wichtige Eheverbindung der Stieftochter Adelheids, Elisabeth von Pommern-Wolgast mit dem Kaiser Karl IV. (Mai 1363), die am Hofe ihres Großvaters König Kasimirs von Polen erzogen war.

Der Sohn Adelheids, Wartislaw VII. von Pommern-Stolp, macht in den Jahren 1392/93 eine Wallfahrt ins Gelobte Land. Sein Sohn Erich I., Herzog von Pommern, geht als einer der bedeutendsten Fürsten seines Hauses in die Geschichte ein.

Er, ein Urenkel Waldemars von Dänemark, besteigt von 1412-1439 den Thron von Dänemark. So finden wir Adelheid als nahe Verwandte bedeutender Personen des Mittelalters.

4. Die Verbindungen der Fürsten ergeben naturbedingt einen regen Austausch geistiger und materieller Werte, die den Menschen hüben und drüben in Berührung bringen. Hier näher auf diese einzugehen, verbietet leider der Raum.

Mit Agnes von Braunschweig-Lüneburg, der Tochter des Welfen Magnus Torquatus finden wir eine weitere Verbindung der beiden Häuser. Sie ehelicht im Jahre 1391 Herzog Bogislaw VI. von Pommern-Wolgast, der nach einem streitbaren Leben jedoch schon am 7.März 1393 verstarb.

Agnes ging dann noch 1396 eine weitere Ehe mit Herzog Albrecht II. von Mecklenburg ein und ist 1434 gestorben.

5. Gegen Ende des Mittelalters finden wir eine neue und wichtige Herzensverbindung zweier Menschen aus dem Welfen- und Greifenhause. Herzog Heinrich der Ältere (1463 -1514) von Braunschweig-Wolfenbüttel, ehelicht im August 1486 Katharina, die Tochter Herzog Erich II. von Pommern.

Ist es wissenschaftlich erwiesen, daß die Söhne immer wesentliche Charaktermerkmale des Vaters der Mutter mitbringen, so zeigt sich dieses bedeutend bei dem Jüngeren von Wolfenbüttel, dem entschiedenen Feinde Martin Luthers, der als einer der letzten Ritter ohne Furcht und Tadel wesentlich das Leben Niedersachsens im Reformationszeitalter beeinflusste und nicht wenige pommersche Eigenarten in seinem Blute geerbt hatte.

Zu dieser Zeit finden wir in der Hansestadt Braunschweig den großen Pommeraner Johannes Bugenhagen, der hier reformiert und so einen wichtigen Geistesaustausch zwischen beiden Ländern gibt.

6. Am 2. Februar 1525 verehelichte sich Herzog Barnim XI. von Pommern mit der Fürstin Anna, Tochter Herzog Heinrich des Mittleren von Braunschweig-Lüneburg, der zu Uelzen residierte.

Ihr Bruder war u. a. Franz von Gifhorn. "Das Beilager wurde in Stettin gar stattlich gefeiert". Hier liegt der Schlüssel zu der Verbindung der Tochter Franz von Gifhorns mit dem Pommernherzog Bogislaw XIII. Dieser war ein Neffe des obigen Paares und hatte so durch seine Muhme Anna wohl nähere Verbindung zu den Braunschweigern bekommen.

Er war ein Sohn des frommen Philipp I. und ehelichte am 8.September 1572 die Herzogin Clara, die Gifhorner Prinzessin, die sich in erster Ehe mit Bernhard VII. von Anhalt verehelicht hatte und nun nach dessen Ableben (1.3.1570) verwitwet war.

Die Feier fand in Neuen Campe statt, wo Bogislaw XIII. 1580 die alten Klostergebäude abreißen und ein neues, stattliches Residenzschloß erbauen ließ, dass seinem Schwiegervater zu Ehren "Franzburg" genannt wurde.

Clara von Gifhorn, von der der Chronist sagt, dass sie "eine fast tugendreiche Fürstin, soneben einem stattlichen Heirathgut ihrem Herrn viel Glück und Segen mit ins Land gebracht", schenkte dem pommerschen Herzogshause elf Kinder, von denen sie fünf Söhne und zwei Töchter bei ihrem am 25.Januar 1598 erfolgten Tode überlebten. Sie ist die Mutter der letzten Greifengeneration!

Der Bruder Bogislaw XIII., Ernst-Ludwig von Pommern, hatte ebenfalls eine Welfin, Sophie-Hedwig, Tochter des trefflichen Herzogs Julius von Wolfenbüttel, des Begründers der Universität Helmstedt geehelicht, sodaß der braunschweigische Einfluß sich von vielen Seiten bemerkbar machte.

7. Auch in der letzten Generation des alten pommerschen Herzogshauses finden wir noch den Hang zu den Welfen im fernen Niedersachsen. So ehelicht am 13.Dezember 1607 die Tochter Clara-Marie, Herzogs Bogislaw und der Clara von Gifhorn, den bedeutenden Welfen August den Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel. Sie ist gestorben am 19.Februar 1623.

Ihr Bruder Ulrich von Pommern, Bischof von Kammin, ehelichte am 7.Februar 1619 die Welfin Hedwig, Tochter Herzog Heinrich-Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel. Ulrich starb kinderlos am 31.Oktober 1622, "ein frischer, junger Mann, der in liebenswürdiger Fröhlichkeit mit seinem Gemahl Hedwig von Braunschweig in Köslin Hof gehalten".

Herzogin Hedwig nahm ihren Witwensitz in dem kleinen Städtchen Neustettin in Hinterpommern, wo sie bis zu ihrem Ableben am 26.Juni 1650 residierte und sich dort mit dem von ihr 1640 gestifteten Gymnasium mitten in der unruhigen Zeit ein bleibendes Denkmal errichtet hat.

Quellenangabe:

1. Ph. Jul Rehtmeyer, Braunschweigisch-Lüneburgische Chronica (1722)

2. E.Steinmann, Die Grabstätten der Fürsten des Welfenhauses; Braunschweig 1885

3. P.Zimmermann, Grabstätten der Welfen; Br. Magazin, Jahrgang 1901, S. 69 ff.

4. M.Wehrmann, Die Aussteuer der Herzogin Anna etc., Br. Jahrbuch 1902, S.97 ff.

5. M.Wehrmann, Geschichte von Pommern, Gotha 1904

6. W.K.Prinz v. Isenburg, Stammtafeln zur Geschichte der Europäischen Staaten; Berlin 1936, Tafel 125 f. u.a.m.

Heinz-Bruno Krieger im "Gifhorner Kreiskalender" 1958