Startseite -> Erzählungen -> Die Kapelle in Rottorf

Erschienen im "Moosholzmännchen", heimatkundliches Beiblatt des lutterschen Stadtbüttels März 1983

Die kleine Kapelle in Rottorf bei Königslutter ist in ihrem Kern mittelalterlich.

Wie der Königslutterer Superintendent Bode bereits im Jahre 1841 schrieb, ist es durchaus möglich, daß sie die Herrn von Sambleben, die im 15. Jahrhundert das Rittergut Rottorf besaßen, erbaut haben.

Im Jahre 1542 bestimmten die Visitatoren, die die Reformation durchführten, daß zur Pfarre in Rottorf 2 Hufen Land und ein Wiesenplatz mit 9 Fudern Heu gehören sollten. Bei einer späteren Visitation stellten sie jedoch fest, daß der Gutsherr Thomas von Sambleben den Pfarrhof und das Pfarrhaus mit den 2 Hufen und allen Zubehörungen an sich gezogen hatte. Die Kirche hätte er gebaut, aber die Leute von Rottorf hätten keinen Pfarrer und bäten sehr darum.

Im Erbregister aus dem Jahre 1604 wird erneut bestätigt, daß zur Pfarre in Rottorf 2 Hufen Land und eine Wiese zu 9 Fudern Heu gehörten, und 1648 heißt es in einem Schreiben des auch für die Kirchengemeinde Rottorf zuständigen Stadtpfarrers von Königslutter:

"Ich habe ein filial, das heißt Rottorf, daselbst ist ein Kirchelein, darin wird umb die dritte oder wen hindernis im feld vierte Woch gepredigt und der Gottesdienst verrichtet. Sonsten kommen die Leut von dannen her nach Lutter."

In dem Protokoll über die Visitation der Kapelle im Oktober 1753, an der der Gutsherr Obrist-Leutnant von Schwarzkoppen, Pastor Niemeier als der zuständige Pfarrer und der Justitiar Jürgens teilnahmen, wird wiederum darauf hingewiesen, daß die Rottorfer Gemeindeglieder nur jeden 3. oder 4. Sonntag Gottesdienst, am Sonnabend davor Beichtgelegenheit in ihrer Kapelle hätten.

Im Übrigen wären sie gehalten, den Gottesdienst in der Stadtkirche zu Königslutter zu besuchen, wo das adlige Haus seine Prieche [Anmerkung J.Thiele: "Norddeutsche Bezeichnung für Empore" laut www.uni-vechta.de/institute/geschichte/html/p.html]

[Empore: im Inneren eines Gebäudes sich öffnendes, von Bögen, Pfeilern oder Säulen getragenes galerie- bzw. balkonartiges Obergeschoss. Früher waren in den Kirchen die Plätze auf der Empore meist für Mitglieder von Adelsfamilien bestimmt, Kunstlexikon P.W.Hartmann]


und die Bauersleute ihre Stühle und Stellen hätten. Die Rottorfer Gemeinde besitze dort von jeher 20 freie Manns-Stellen, die Frauen-Stellen wären alle gemietet. In der Kapelle hätte man erhebliche bauliche Mängel festgestellt. Für ihre Beseitigung wäre es aber sehr erschwerend, daß die Kirche in Rottorf über keine Ländereien, Wiesen, Gärten oder sonstigen Besitz verfüge.

1767 wandte sich der damalige Superintendent Zwicke mit der dringenden Bitte an den Gutsherrn von Schwarzkoppen, die Kapelle, für deren bauliche Unterhaltung er zweifellos allein zuständig wäre, instandzusetzen. Die notwendigen Arbeiten wurden aber immer wieder verschoben.

Auch 74 Jahre später war noch nichts geschehen. Der bauliche Zustand der Kapelle hatte sich inzwischen in verheerender Weise verschlechtert. Superintendent Bode berichtet darüber in einem Schreiben vom 29. 11. 1841, daß sich in der Rottorfer Kapelle Weihnachten 1834 leicht ein großes Unglück hätte ereignen können,

"denn die Prieche, welche von den Mannspersonen frequentirt wird, war so überfüllt, daß das Gebälk derselben während des Gottesdienstes an einer Stelle einzubrechen und zu wanken anfing. Man eilte schnell von derselben und entging so dem Unglück, erschlagen zu werden. Als einige Wochen danach der Schullehrer zum Betglocke schlagen in die Kirche sich begiebt, findet er die andere, weit vorgeschobene, für das Gutspersonal bestimmte Prieche zusammengestürzt. Seit jener Zeit hat darin kein eigentlicher Gottesdienst weiter gehalten werden können und wird nur, weil die Gemeinde, von uralter Gewohnheit durchdrungen, in keiner anderen Kirche an der Abendmahlsfeier teilnehmen will, in diesem traurigen Gemache nun noch um die 8. Woche, weil dazu eine kürzere Zeit erforderlich ist, das heilige Abendmahl gehalten, wobei sie sich in der Regel sehr zahlreich einfindet. Außerdem ist jetzt die Decke des Kirchbodens so von Würmern zernagt und abgefault, daß nun mehr kein Knabe denselben, um die Glocke, welche in einer Dachluke hängt, zu erreichen, betreten kann, und deshalb auch nicht mehr Betglocke geschlagen wird. Das Dach ist so schadhaft, daß, wenn es regnet, und ich, vor dem Altare, um das Abendmahl zu administrieren, stehe, durchnäßt werde und die Hand über den Kelch halten muß, damit nicht derselbe durch Mörtel und Kalk von den Sparren des Dachs und durch morsche Holztheile, welche sich von den Bodenbrettern ablösen, verunreinigt werde. Das Fenster des Beichtstuhls, in welchem nur einer bequem aufrecht stehen kann, ist durchlöchert, daß, wenn Regen, vom Südwinde geleitet, einträte, ich, der geistliche Visitat-or, einen großen Mantel vor dasselbe hängen muß, um mich nicht tödtlich zu erkälten und um nicht durchnäßt zu werden, indem man sich in dem unglaublich engen Beichtstuhle vor dem Winde und dem Regen nicht verkriechen kann. Die Fenster sind überhaupt so düster, klein, eng und unregelmäßig und die Wände sind theils so grün, grau und weiß, daß ein Fremder, der hineinträte und nicht wüßte, daß man hier Gott verehrte, erschrecken und glauben würde, daß man hier ein Gefängnis für Mörder und Verbrecher angelegt habe. Der Fußboden ist so durchlöchert, daß, wenn etwas Nahrung zu finden wäre, alle Ratten und Mäuse der Umgebung dorthin kommen würden. Die Luft ist so unangenehm und ungesund, daß sichtbar vor meinen, des geistlichen Visitators Augen, schon Personen, die während des Abendmahls da im Halbmonde nachgerade um mich standen, niedergesunken und ich selbst schon, wenn gleich nicht schwächlich, leichenblaß und ohnmächtig geworden bin."

Der Superintendent wies in seinem Schreiben weiter darauf hin, daß im Lande Braunschweig bisher noch niemals eine Gemeinde wegen ihres verfallenen Gotteshauses in die Kirche eines anderen nahe gelegenen Ortes verwiesen wäre und machte darauf aufmerksam, daß eine solche Maßnahme für die Einwohner der Kirchengemeinde Rottort eine unerträgliche Belastung sei, weil der Weg von Rottorf nach Königslutter zu weit und so schlecht wäre, daß ihn viele der älteren, schwächeren und kränkeren Leute aus Rottorf bei schlechtem Wetter nicht machen könnten.

Daher bat er die Gutsherrschaft noch einmal sehr eindringlich, um die notwendige Reparatur der kleinen Kapelle. Das Herzogl. Ministerium in Braunschweig stellte dazu in einem Gutachten vom 16. 7. 1846 fest, daß zweifelsfrei der Gutsherr die Verpflichtung zur Wiederherstellung der Kapelle habe, wenn auch einige Einkünfte der Stadtpfarre von Königslutter offensichtlich ursprünglich der später nicht mehr besetzten Pfarre von Rottorf zugestanden hätten.

Das gelte besonders für solche aus Ländereien und Wiesenanteilen in der Rottorfer Feldmark und für die Mastberechtigung der Stadtpfarre im Lutterlandholz. Die Gutsverwaltung stimmte der Erneuerung der Kapelle nun endlich zu.

Die eingereichten Kostenanschläge vom Februar 1847 ergaben eine Gesamtsumme von 835 Talern, von denen etwa die Hälfte für Zimmermannsarbeiten angesetzt waren.

Am 17. 9. 1848 fand die feierliche Einweihung der neu ausgebauten Rottorfer Kapelle statt. In dem großen Festzug marschierten als erste die Schulkinder mit ihrem Lehrer. Es folgten die Visitatoren der Kirche, die Ortsbehörde, Verheiratete männlichen Geschlechts, Unverheiratete männlichen Geschlechts, Verheiratete weiblichen Geschlechts und Unverheiratete weiblichen Geschlechts. Den Schluß bildeten die Ortsfremden.

Die Feier in der Kirche wurde durch einige Sänger des Gesangvereins Königslutter verschönt. Anschließend fanden einige Trauungen und Taufen statt.

Im Oktober 1969 übereignete die Erbengemeinschaft Binroth als Besitzer des Gutes die Kapelle der Kirchengemeinde Rottorf. Sofort danach begann man unter der Leitung des Landeskirchenamtes mit Instandsetzungsarbeiten.

Der Eingang der Kapelle wurde verlegt. Dabei mußte die Gewölbegruft der von Schwarzkoppenschen Adelsfamilie entfernt und einige Särge umgebettet werden.

Im Zuge der Bauarbeiten entdeckte man hinter den Bänken am Altar ein Epitaph aus dem Jahre 1590 mit Figur und Wappen eines Gutsherrn von der Streithorst, das restauriert wurde.

Es bildet zusammen mit einem von der Frauenhilfe gestifteten 150 Jahre alten Kruzifix aus Würzburg das wertvollste Ausstattungsstück der hübschen kleinen Rottorfer Dorfkapelle.

Quellenmaterial:

1.) P. J. Meier: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Landkreises Helmstedt, Wolfenbüttel 1896, Seite 262.

2.) K. Kayser: Die reformatorischen Kirchenvisitationen in den welfischen Landen 1542-44, Göttingen 1897.

3.) Kirchenarchiv der Stadtkirche Königslutter, Nr. 87. Heinz Röhr

Heinz-Bruno Krieger