Startseite -> Erzählungen -> Ein Zeuge aus alter Zeit - das Moosholzmännchen


Hoch oben auf der Nordostecke des nördlichen Westturmes der alten Stiftskirche sitzt, weit ins Land schauend, eine aus grauem Stein roh gehauene Gestalt, die nicht den Erbauern und Meistern der romanischen Kunstwerke jener Zeit zugeschrieben werden kann.

Im Volksmunde nennt man jene Darstellung kurz das Moosholzmännchen. Die Sage weiß von ihm folgendes zu erzählen:

Als Kaiser Lothar dem Kloster Königslutter bei der Gründung viele Güter und Liegenschaften in naher und weiter Umgebung schenkte, kam auch das zwischen den Dörfern Klein Steimke und Ochsendorf gelegene sogenannte Moosholz in den Besitz der Mönche vom Orden des heiligen Benedikts.

Es wurden in der Folgezeit immer wieder Holz- und Wildfrevel in dem Wäldchen festgestellt, daß die Mönche sich viel Kopfzerbrechen machten, diesem Übel abzuhelfen.

Nun kam man, so berichtet die Sage weiter, um diesem Unheil abzuhelfen, auf den Gedanken, auf den Turm des neu erbauten Gotteshauses eine steinerne Figur zu setzen, von der die Diebe glauben sollten, es sei der Holzvogt, der das entfernte Moosholz bewachte. Ängstlich mieden nun Bauern diesen Wald, da sie befürchteten, durch das wachsame Auge des Männchens erkannt zu werden.

Seit dieser Zeit nennt man den steinernen Holzwart im Volksmunde "das Moosholzmännchen".

Der Volksmund hat es sich leicht gemacht, eine Deutung des steinernen Rätsels am Dom zu Königslutter zu geben, und die gelehrte Welt ist mit dieser Version nicht ohne weiteres einverstanden. Die ganze Darstellungsform läßt darauf schließen, daß die Figur lange vor der Errichtung des Domes entstanden ist.


Sollte es sich bei dem sogenannten Moosholzmännchen um eine vorchristliche Götterstatue handeln, die, um den noch im Volke vorhandenen Aberglauben zu erlöschen, oder um den Sieg des neuen Glaubens über den alten zu versinnbildlichen, an dem markantesten Kirchenbau unserer Heimat weit sichtbar angebracht wurde?

Ist die Vermutung eines unserer neueren Dom- und Heimatforscher richtig, der da glaubt, daß das Moosholz bei Ochsendorf ein den Germanen heiliger Hain gewesen sei, in dem jenes Bild verehrt wurde?

Dagegen sprechen die Erkenntnisse moderner Wissenschaftler von der Mythologie unserer germanischen Vorfahren, die wohl an viele Naturkräfte und Naturgottheiten glaubten, aber sich keine steinernen Götzenbilder in der Form unseres Moosholzmännchens gemacht haben.


Es wäre jedoch möglich, daß es sich um eine slawische Gottheit handelt, die dem Kulte der während der Völkerwanderung nordostwärts in unser Gebiet eingedrungenen Wenden angehörte und die später, auf Umwege über jenes kleine Wäldchen, in den Besitz der "lutterschen Mönniche" kam.

Ob die Zukunft dieses Rätsel ganz lösen wird?

Heinz-Bruno Krieger 1951