Startseite -> Erzählungen -> Sollte Königslutter eingeäschert werden?

Es war im Jahre 1834, draußen in der Landschaft zwischen Elm und Lappwald "brauste" die Postkutsche über die holprigen Wege, wanderte der Handwerksbursche von Dorf zu Dorf. In dem kleinen, vertrauten Königslutter saßen die Bürger geruhsam beim Schoppen Ducksteinbier, um die Neuigkeit, welche man vom Nachbarn gehört hatte, zum ach so und so vielten Male durchzusprechen.

Zeitungen waren damals eine große Seltenheit. Es kam zwar einmal in der Woche ein "Blättchen" aus Helmstedt, der Vorgänger unserer Heimatzeitung, aber wer konnte sich diesen Luxus schon erlauben, da blieb man dann schon lieber beim Hörensagen, und drehte vor wie nach den Pfennig um, ehe man ihn beim Hocken auf den Tresen legte.

Doch was war das für eine Aufregung gewesen! Der kleine Krischan hatte die Nachricht mit aus der Schule gebracht. Von Haus zu Haus, von Mund zu Mund, ging das Gerücht, wie ein böses, finsteres Tier sich durch die Gassen und Tweten der Stadt fressend.

In der Nähe von Ochsendorf sollte ein Brief gefunden worden sein, den der Schulrektor Theodor Schulz in der Schule den Kindern vorgelesen hätte. In diesem "Brandbriefe" nun sollte es geheißen haben, daß der Stadt Königslutter "zum größten Theil Einäscherung" gedroht wird.

Voll Angst und Schrecken erfüllte diese Nachricht die Gemüter der "lutterschen Bürgersleute". Sofort gingen ehrsame Stadtväter zum Herrn Bürgermeister, und dieser wandte sich an den Rektor Schulz mit dem Ersuchen, umgehend über dieses Gerücht Rechenschaft abzulegen und den Brief abzuliefern.

Doch wie atmeten groß und klein, Bürgermeister und Schuljungen auf, als der Rektor in einem Schreiben an Bürgermeister Brandes antwortete, daß er hiesiger Stadtbehörde mit Vergnügen auf das Schreiben zu erwidern habe, daß ihm bis dahin von einem bei Ochsendorf gefundenen Brandbrief nichts zu Ohren gekommen sei.

Weiter heißt es in dem noch erhaltenen Schreiben, "und daß ich daher auf den, mir von gewiß höchst verehrlichem Anzeiger zugedachten Ruhm Verzicht leisten muß, die hiesige Schuljugend mit einem so sehr bildenden Lehrgegenstande unterhalten zu haben".

Erleichtert atmeten auch die wackeren Feuerwehrmänner auf, denn was wäre wohl aus unserer schönen, kleinen Elmstadt geworden, wenn sich dieses furchtbare Gerücht bewahrheitet hätte?

Krischan aber wurde von seinem alten Herrn still beiseite genommen, der Hosenboden wurde ihm straffgezogen, und in Erinnerung an all die erlittene Aufregung wurde dieser tüchtig durchgebläut. Krischan hat niemals wieder ähnliche Erzählungen erfunden.

Heinz-Bruno Krieger 1953