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Der Musikant und die Unterirdischen Marie Sophie-Johanne Heiser wurde am 9.Juni 1795 in dem kleinen Dorfe Uhry im fürstlichen Amte Fallersleben geboren. Sie war das Kind einer alten eingesessenen lüneburgischen Landfamilie. Zu ihren Ahnen zählten viele Bauerngeschlechter des Hasenwinkels und in die Jahrhunderte hinaus waren es brave und ehrliche Menschen gewesen.

Sie verheiratete sich später mit Jacob Conrad Vorreiher und beide sind die Stammeltern vieler Menschen Niedersachsens geworden. Im August 1850, innerhalb weniger Tage, wurden sie beide von Cholera, jener schrecklichen Gottesgeißel unserer Urgroßeltern, in Groß Steinum am Dorm, dahingerafft.

Wenn nun an langen Winterabenden die Mutter Vorreiher mit ihren Kindern um den Ölkrüsel herum saß, das Spinnrädchen schnurrte, und unermüdlich der Faden durch die fleißigen Hände glitt, dann fing sie an zu erzählen von der schönen Zeit im Vaterhause in Uhry, von den vielen alten Sagen und Erzählungen, die sie als kleines Mädchen gläubig lauschend gehört hatte.

Es war eine schwere Zeit, damals in den Jahren um 1846/47, der Scheffel Roggen kostete 3 Taler und ein Scheffel Weizen gar 3 ½ Taler. Da zogen viele hinaus über das große Meer. Die Mutter und die großen Mädchen spannen sich die Finger wund, um ein paar Groschen dazu zu verdienen.

Immer wieder wollten die Kinder die Geschichte hören, von dem Urahn, der den Unterirdischen zum Tanze aufgespielt hatte. Und es waren immer wieder die gleichen Worte, mit denen die Mutter zu erzählen begann:


Ansicht auf Uhry Vor Jahren lebte in Uhry ein armer Schneider und Musikant. Am Tage mühte er sich redlich in der Schneiderstube und hatte so schon viele Hosen, Jacken und Westen genäht. War dann der Abend gekommen, so ging er oft mit seiner Fiedel auf die Trendelheide und hier spielte er die schönsten Lieder und Weisen in den abendlichen Himmel.

Wie schön müsste es sein, wenn man reich wäre und viel Geld besäße, hatte er oft gedacht. Er würde sich sogleich ein kleines Häuslein bauen und könnte endlich seine Braut heimführen. Aber so? - Lange mochte es noch dauern bis es jemals so weit käme und immer wieder zählte er die vielen Heller und Pfennige, die er in seinem Bettsack in einem Strumpfe sich mühsam zusammen gespart hatte.

Eines abends nun, das Schneiderlein lag auf seinem Lager in der schmalen Kammer, der Mond warf ein mattes Licht durch die kleinen, blanken Butzenscheiben und wie so oft dachte er an die sorgenvolle Zukunft, sollte sich das Glück auch seiner erinnern. Erschrocken war der Schneider hochgefahren, narrte ihn das Mondlicht, oder war es Wirklichkeit? Vor ihm stand ein kleiner Zwerg, kaum ein Spann hoch, mit einem roten Wämslein angetan und einem langen, schlohweißen Barte.

"Freund", sagte das Erdmännchen, "erschreckt Euch nicht! Ich bin gekommen, um zu bitten, mit auf die Trendelheide hinaus zu kommen und unserem Volke zum Tanze aufzuspielen. Oft hörten wir dein schönes Spiel, und ich bitte dich, schlage uns diesen Wunsch nicht ab."

Sofort schlüpfte der junge Schneider in seine Hosen, nahm die Fiedel und ging mit hinaus in die mondhelle Nacht. Wie er nun gar fleißig den Unterirdischen zum lustigen Tanze aufgespielt hatte, und Stunde auf Stunde vergangen war, führte man den Musikanten zum Schluss vor drei Kisten voll der schönsten Münzen. In einer waren lauter schwere Golddukaten, in der anderen Silbertaler und in der dritten kupferne Groschenstücke.

"Nimm dir davon so viel du willst", hatte ihm sein Begleiter vom Abend vorher gesagt. Der Musikant, von zu Hause her bescheiden, nahm sich von den blanken Kupfergroschen eine Hand voll. Da war aber das Erdmännchen nicht mit einverstanden.
"Du musst dir beide Taschen voll stopfen", hatte er gesagt, und so nahm der Musikant sich noch eine große Hand voll in die andere Tasche hinein. Weil die goldenen Dukaten ihm so blank entgegenleuchteten, bat er sich noch einen von diesen aus. "Nimm was du willst", beteuerte man ihn, doch sich tief verneigend hatte er freudig dankend den Heimweg angeschritten.

Der Morgen dämmert im Osten, als er endlich zu Hause ankam und sich noch für einige Stunden auf sein Lager legte. Wie er nun nach kurzem Schlafe aufstand, deuchte es ihm, als habe er alles geträumt. Aber was ist das? Er findet die ganzen Taschen seines Rockes voll der schönsten Goldstücke. Nur oben drauf, dort wo er den Golddukaten hingelegt hatte, lag ein großer, schwarzer Kieserling.

Nun war der arme Schneider und Musikant ein reicher Mann geworden. Er baute sich im Dorfe ein neues Haus und noch bis auf den heutigen Tag ist sein Name in den Balken geschnitzt dort zu lesen. Viele Kinder wurden des Hauses Segen. Allen aber in die Generationen hinauf wurde die Geschichte erzählt, von dem Urahn, der auf der Trendelheide bei Uhry den Unterirdischen zum Tanze aufgespielt und durch seine große Bescheidenheit hierbei sein Glück gemacht hatte.

Längst ist der alte Mund verstummt, der diese Sage aus Urväterzeit weiter in unsere Tage erzählt hat. Möge sie daher festgehalten werden, um neuen, kommenden Geschlechtern unserer Heimat weiter übermittelt zu werden.

Heinz-Bruno Krieger